Papageienmama aus SCHWABEN
Quelle: Sat.1 Bayern

Eine ganz andere Mannschaft hat Angela Würstle
bei sich zu Hause unter ihren Fittichen...

--> mehr



--> Radiobericht Bayern 1

von Richard Schlosser
"Vogelwild: Die Würstles haben Afrika daheim"

Von Veronika Harzmann

Angela Würstle betreibt in Unterkammlach eine Auffangstation für Papageien und Sittiche, die niemand mehr haben möchte


Spezialfutter aus der roten Tüte, statt Erdnussflips, bekommen die
Pflegekinder von Vogelmama Angela Würstle.


Unterkammlach

Aus Berlin. Aus Dresden, Heidenheim und Weißenhorn. Aus München, Augsburg, Landsberg und Mindelheim. Aus ganz Deutschland kommend landen sie bei Familie Würstle in Unterkammlach. Weil sie mit Pizza und Erdnussflips ernährt wurden, leiden sie an Leberschäden. Manch einer hat einen verkrüppelten Fuß, manch einer ist verhaltensgestört und beißt. Einer ist blind, ein anderer gerät schnell außer Atem, der nächste hat einen gebrochenen Flügel. 70 Papageien und Sittiche hat die Familie Würstle zur Pflege unter ihre Fittiche genommen. Chefin im Vogelreich ist Mama Angela.

Wenn „Wasko“ auf der Stuhllehne sitzend durchs Fenster hinaus auf die Straße guckt, kreuzen keine Gitterstäbe seinen Blick. Weiß verputzt, gelb umrandete Fenster, rundherum ein großer Garten: Mit einem normalen Vogelkäfig hat das Zuhause des Amazonenpapageis so gar nichts zu tun. Zusammen mit 13 seiner bunten Artgenossen und drei Grünzügelpapageien bewohnt „Wasko“ im Haus der Familie Würstle ein geräumiges Zimmer. Zimmer? Man ist versucht, den Raum ein Paradies zu nennen. Ein Paradies, das „Wasko“, der nur zu Besuch gekommen war, nicht mehr verlassen wollte. Und so musste sein Herrchen ohne ihn nach Hause gehen: Äste und grüne Zweige „wachsen“ aus dem mit Buchenholzgranulat und Blättern bestreuten Parkettboden zur himmelblauen Decke empor. Kletterbrücken und Futterkolben hängen von dort oben herunter, an einer triangelförmigen Holzkonstruktion baumelt ein silbernes Glockenquartett vor der türkisgrünen Wand, unter den Füßen knirscht Vogelfutter. Paradiesische Verhältnisse – in einem Vogel- Lazarett.


Für „Cora“  zählen in Sachen
Liebe die inneren Werte.
Die Amazonen-Dame liebt
ihren „Santo“  auch mit Glatze
Denn nichts anderes ist die private Auffangstation in Unter- kammlach, in der Angela Würstle Papageien und Sittiche verarztet, ihnen die Krallen schneidet, sie füttert und mit ihnen ihr Zuhause, ihr Nest teilt. Ja, teilt. Denn auch im Wohn- zimmer gegenüber der Couch und auch in den Kinderzimmern hausen Vögel. Um die vier Timney- Graupapageien kümmert sich Ehemann Walter (33). Die beiden Kongo-Graupapageien, die gerne mal „funken“ „Hallo, hallo, ist da wer?“ betreut Werner (9) – die zwei Mohrenkopfpapageien Sabine (12). Daniela (8) und Alexander (6) sind noch „vogelfrei“. „Dafür“, meint AngelaWürstle, „sind sie noch zu klein.“ Dem Federvieh gehört die Leidenschaft der ganzen Familie– die Tiere sind ihr Hobby, und das ist teuer: 60 Euro kostet die Wochenration an Körnern und Streu, Obst und Medikamente nicht eingerechnet.

Ursprünglich hatte Angela Würstle selbst Papageien gezüchtet – doch vor zwei Jahren hörte sie auf, weil sie „kein weiteres Elend produzieren wollte“. Sie weiß: Zu viele der Vögel müssen ihr Dasein in Abstellkammern und winzigen Käfigen fristen. Sie haben sich zu Beißern, Schreiern und Rupfern entwickelt, weil sie falsch gehalten und gefüttert wurden.

Resigniert klingt die 32-Jährige nicht, wenn sie von dem Teufelskreis erzählt, den ihre gefiederten Zöglingedurchlaufen haben. Blonde lange Haare, grüne Augen, eine fliederfarbene Bluse: AngelaWürstle passt in das farbenfrohe Amazonen- Ambiente aus Grün-, Blau-, Rot- und Gelbtönen,wo es ständig zwitschert, pfeift und gluckst. Wo es krächzt und flattert und sich somancher Vogel-Exot dem erstaunten Besucherauf die Schulter setzt und so laut wie einSpielautomat auf einem Volksfest ins Ohrplärrt. „Das ist unser Schreihals, die Lora“, erzählt die „Papageienlady“, wie sich die Unterkammlacherin auch nennt. „23 Jahre hat Lora bei ihren Besitzern gelebt. Dann kamen neue Nachbarn – denen war Lora zu laut.“ Der Vogel flog raus. Seitdem lebt er bei den Würstlesin Unterkammlach.

Unterschlupf gefunden hat hier auch „Schocki“, der so heißt, weil er seine Besitzerin mehrfach in die Lippe und am Ohr gebissen hat. „Er ist nicht mehr vermittelbar“, stellt die Vogelmama nüchtern fest. Jeder Vogel hat seine tragische Geschichte– und Angela Würstle kennt jede einzelne. „Panamatz“ ist wohl die traurigste Figur in der VogelscharDer Amazonen-Hahn ist Vollinvalide. Er ist blind, hat einen verkrüppelten Fuß, einen Leberschaden und kann nicht fliegen. Zur Belustigung der Gäste war „Panamatz“ jahrelang in einem Gasthof ausgestellt.


Werner Würstle ist vernarrt in die gefiederten Schützlinge seiner Mutter
Heute genießt er es, täglich mit Fußgänger „Wasko“, der auch nicht fliegen kann, im Garten spazierengehen zu können.
Auch hier draußen wimmelt es von Vögeln. In großen Volieren flattern Nymphen-, Ziegen- und Penant-Sittiche umher, geben Flattermänner, die sich Agaporniden und Dermerara nennen, ein Konzert.
Hier dürfen die gefiederten Patienten und Waisenkinder „so leben, wie sie wollen“, sagt Angela Würstle, „zähmen wollen wir sie nicht.“ Bei ihr nehmen traurige Vogel-Schicksale eine gute Wendung, wie das Beispiel von „Cora“ (9) und Santo“ (20) zeigt. Jahrelang saß das Amazonen- Männchen zusammen mit einem Ara ineinen Käfig. Hier flogen die Federn: Büschelweise riss der Ara „Santo“ die Federn aus. Doch das verrupfte Geiergesicht ihres Angebeteten stört Cora nicht. Vogelhochzeiten finden hier häufiger statt. Die tierischen Exoten fühlen sich wohl in der Vogel-WG. Und das ist kein Wunder: „Das sind nun mal keine Einzelgänger“, weiß die Expertin. „Sie brauchen einen Partner – einen der gleichen Art, aber vom anderen Geschlecht. Sonst werden sie unglücklich und oftmals aggressiv.“

Die meisten Halter wüssten das nicht. Deshalb berät sie Angela Würstle telefonisch oder vor Ort.
Kein Weg ist ihr zu weit, wenn sie einem ihrer Lieblinge helfen kann. „Das sind so faszinierende Tiere“, schwärmt sie, „und sie haben so viele menschliche Eigenschaften, sind eigensinnig und störrisch.“ Haus und Garten voller Vögel – wie sieht es da mit Urlaub aus? „Wir fahren schon seit Jahren nicht mehr weg“, sagt Angela Würstle und strahlt. Schließlich werden immer neue Papageien und Sittiche bei ihr angemeldet. Derzeit warten zehn auf einen Platz im Vogelparadies. „Urlaub? Brauchen wir nicht. Wieso auch, Afrika haben wir doch auch daheim!“

 

Amazonen Graupapageien kakadus Andere Papageien Regenbogenbrücke